Für Erstsemester

Juristisches Arbeiten

Wie du im Gutachtenstil arbeitest, Gesetze liest und richtig auslegst. Lexi zeigt dir in wenigen Minuten, was dir im Jurastudium niemand in Ruhe erklärt.

1. Am Anfang steht immer eine Frage

Lexi, die Lernbegleiterin von JurisMind

Hi, ich bin Lexi. Das Wichtigste zuerst: Juristen lernen keine Gesetze auswendig. Sie lösen Fälle. Ein Fall ist eine kurze Geschichte mit einer Frage am Ende. Deine Aufgabe ist es, diese Frage mit dem Gesetz zu beantworten.

Jedes Rechtsgebiet hat dafür seine eigene Grundfrage. Sie bestimmt, wonach du im Gesetz suchst.

Zivilrecht

Wer will was von wem woraus? Du suchst eine Anspruchsgrundlage, also eine Norm, die dem einen gibt, was er vom anderen verlangt.

Strafrecht

Wer hat sich wodurch wonach strafbar gemacht? Du prüfst eine Person, eine Handlung und ein Strafgesetz.

Öffentliches Recht

Durfte der Staat das? Du prüfst, ob ein staatliches Handeln rechtmäßig ist, zum Beispiel ob es ein Grundrecht verletzt.

Was alle verbindet

Du beantwortest nur die gestellte Frage. Was der Sachverhalt nicht hergibt, wird nicht hinzugedacht. Was er hergibt, wird verwertet.

2. Das Gesetz lesen: Tatbestand und Rechtsfolge

Fast jede Norm ist ein Wenn-dann-Satz. Das „Wenn“ heißt Tatbestand, das „Dann“ heißt Rechtsfolge. Wer das einmal gesehen hat, liest Gesetze anders.

Wer vorsätzlich oder fahrlässig das Leben, den Körper, die Gesundheit, die Freiheit, das Eigentum oder ein sonstiges Recht eines anderen widerrechtlich verletzt, ist dem anderen zum Ersatz des daraus entstehenden Schadens verpflichtet. § 823 Abs. 1 BGB. Orange: Tatbestand. Grün: Rechtsfolge.

Der Tatbestand besteht aus einzelnen Tatbestandsmerkmalen. Bei § 823 Abs. 1 BGB sind das unter anderem: Verletzung eines der genannten Rechtsgüter, Widerrechtlichkeit und Verschulden (Vorsatz oder Fahrlässigkeit). Nur wenn alle Merkmale vorliegen, tritt die Rechtsfolge ein. Deine Prüfung besteht darin, diese Merkmale der Reihe nach abzuarbeiten.

Drei Dinge, auf die du beim Lesen achtest

Alle wichtigen Gesetze findest du bei JurisMind in der Gesetzessammlung. In den Mindmaps und Fällen sind Paragraphen anklickbar und öffnen direkt den Gesetzestext.

3. Der Gutachtenstil

Im Gutachten tust du so, als wüsstest du das Ergebnis noch nicht. Du stellst eine Frage und arbeitest dich zur Antwort vor. Das wirkt am Anfang umständlich, schützt dich aber davor, etwas zu übersehen.

Jede Prüfung eines Merkmals hat vier Schritte. Hier an einem Beispiel: A sieht im Schaufenster eine Jacke mit dem Preisschild „49 Euro“ und möchte sie zu diesem Preis kaufen. Die Verkäuferin V lehnt ab. Hat V mit der Auslage ein Angebot abgegeben?

  1. 1. Obersatz

    V könnte durch das Ausstellen der Jacke mit Preisschild ein Angebot abgegeben haben.

    Wirft die Frage auf. Immer im Konjunktiv („könnte“, „müsste“).

  2. 2. Definition

    Ein Angebot ist eine empfangsbedürftige Willenserklärung, die den Vertragsschluss so bestimmt anträgt, dass der andere nur noch zustimmen muss. Es setzt den Willen voraus, sich rechtlich zu binden.

    Nennt den Maßstab, an dem du den Fall misst.

  3. 3. Subsumtion

    Wäre die Auslage ein Angebot, könnte jeder Passant es annehmen. V wäre dann gegenüber beliebig vielen Kunden verpflichtet, obwohl sie die Jacke nur einmal hat. Ein verständiger Betrachter erkennt deshalb, dass V sich mit der Auslage noch nicht binden will.

    Hält den Sachverhalt an die Definition. Hier entscheidet sich der Fall.

  4. 4. Ergebnis

    V hat mit der Auslage kein Angebot abgegeben.

    Beantwortet die Frage aus dem Obersatz. Im Indikativ, ohne neue Argumente.

Gutachtenstil und Urteilsstil

Gutachtenstil

„V könnte ein Angebot abgegeben haben. Ein Angebot ist … Hier … Also liegt kein Angebot vor.“

Das Ergebnis steht am Ende. So schreibst du alles, was problematisch ist.

Urteilsstil

„V hat kein Angebot abgegeben, denn die Auslage im Schaufenster ist nur eine Aufforderung, ein Angebot abzugeben.“

Das Ergebnis steht am Anfang. So stellst du Unproblematisches kurz fest.

Typische Anfängerfehler

4. Auslegung: Was tun, wenn das Gesetz nicht eindeutig ist?

Gesetze sind abstrakt formuliert, weil sie für unzählige Fälle gelten sollen. Oft ist deshalb unklar, ob ein Fall noch unter ein Wort passt. Dann legst du die Norm aus. Dafür gibt es vier anerkannte Methoden.

Ein bekanntes Lehrbeispiel: In einer Parkordnung steht „Fahrzeuge sind im Park verboten“. Gilt das auch für einen Kinderwagen?

Wortlaut

Was bedeutet das Wort nach dem allgemeinen und dem juristischen Sprachgebrauch? Ein Kinderwagen hat Räder und wird gefahren. Der Wortlaut lässt beides zu.

Systematik

In welchem Zusammenhang steht die Norm? Regelt die Parkordnung an anderer Stelle Fahrräder und Autos, spricht das dafür, dass Verkehrsmittel gemeint sind.

Entstehungsgeschichte

Was wollte der Normgeber? Wurde die Regel nach Unfällen mit Mopeds erlassen, ging es ihm um motorisierte und schnelle Fahrzeuge.

Sinn und Zweck

Welches Ziel verfolgt die Norm heute? Sie soll Erholungssuchende vor Gefahren und Lärm schützen. Von einem Kinderwagen geht beides nicht aus.

Ergebnis: Ein Kinderwagen ist kein Fahrzeug im Sinne der Parkordnung. In der Klausur nennst du die Methoden nicht schematisch der Reihe nach. Du nutzt die Argumente, die im konkreten Fall tragen. Am meisten Gewicht hat häufig der Sinn und Zweck, auch Telos genannt.

Im Strafrecht gilt eine Besonderheit: Der mögliche Wortsinn ist die äußerste Grenze der Auslegung. Niemand darf für etwas bestraft werden, das der Wortlaut des Gesetzes nicht mehr erfasst (Art. 103 Abs. 2 GG).

5. Die drei Grundbausteine

Jedes Rechtsgebiet hat ein Grundschema, das du in den ersten Semestern immer wieder brauchst. In den kostenlosen Einführungs-Mindmaps übst du jedes davon an fünf geführten Fällen. Den ersten Fall führt Lexi vollständig vor, danach übernimmst du Schritt für Schritt selbst.

6. Kleines Glossar für die ersten Wochen

Anspruch

Das Recht, von einem anderen ein Tun oder Unterlassen zu verlangen (§ 194 Abs. 1 BGB).

Anspruchsgrundlage

Eine Norm, deren Rechtsfolge ein Anspruch ist, zum Beispiel § 433 Abs. 2 BGB für den Kaufpreis.

Tatbestand und Rechtsfolge

Der Tatbestand beschreibt die Voraussetzungen einer Norm, die Rechtsfolge das, was bei ihrem Vorliegen gilt.

Subsumtion

Die Prüfung, ob ein konkreter Sachverhalt die abstrakten Merkmale einer Norm erfüllt.

Legaldefinition

Eine Begriffsbestimmung, die das Gesetz selbst vornimmt, häufig in Klammern.

Willenserklärung

Die Äußerung eines Willens, der auf die Herbeiführung einer Rechtsfolge gerichtet ist, zum Beispiel ein Angebot oder eine Kündigung.

Rechtsgeschäft

Ein Tatbestand aus mindestens einer Willenserklärung, an den die Rechtsordnung die gewollte Rechtsfolge knüpft, zum Beispiel ein Vertrag.

Vorsatz und Fahrlässigkeit

Vorsatz ist Wissen und Wollen der Tatbestandsverwirklichung. Fahrlässig handelt, wer die im Verkehr erforderliche Sorgfalt außer Acht lässt (§ 276 Abs. 2 BGB).

h.M. und a.A.

„Herrschende Meinung“ und „andere Ansicht“. Viele Rechtsfragen sind umstritten. In der Klausur stellst du die Ansichten dar und entscheidest dich mit Argumenten.

i.V.m.

„In Verbindung mit“. Verbindet Normen, die nur zusammen die Rechtsfolge ergeben, zum Beispiel §§ 280 Abs. 1, 241 Abs. 2 BGB.

Analogie

Die Anwendung einer Norm auf einen Fall, den sie nicht regelt. Sie setzt eine planwidrige Regelungslücke und eine vergleichbare Interessenlage voraus. Im Strafrecht ist sie zulasten des Täters verboten.

Schutzbereich

Der Bereich des Lebens, den ein Grundrecht schützt. Er bestimmt, wer sich worauf berufen kann.

Häufige Fragen

Was ist der Gutachtenstil?

Der Gutachtenstil ist die Darstellungsweise juristischer Klausuren. Er besteht aus vier Schritten: Obersatz (die Frage aufwerfen), Definition (den Maßstab nennen), Subsumtion (den Sachverhalt am Maßstab messen) und Ergebnis (die Frage beantworten). Das Ergebnis steht am Ende.

Was ist der Unterschied zwischen Gutachtenstil und Urteilsstil?

Im Gutachtenstil steht das Ergebnis am Ende, die Prüfung ist offen formuliert. Im Urteilsstil steht das Ergebnis am Anfang und wird anschließend begründet. Unproblematische Punkte darfst du in der Klausur im Urteilsstil kurz feststellen.

Muss ich Definitionen auswendig lernen?

Die wichtigsten Definitionen solltest du sicher beherrschen, weil du in der Klausur keine Zeit hast, sie herzuleiten. Viele Definitionen stehen aber direkt im Gesetz (Legaldefinitionen). Lerne Definitionen am besten zusammen mit einem Fall, in dem du sie angewendet hast.

Wie zitiere ich Paragraphen richtig?

So genau wie möglich: Paragraph, Absatz, Satz und Gesetz. Der Absatz wird häufig mit römischer Zahl geschrieben, der Satz mit arabischer. § 433 I 1 BGB bedeutet also § 433 Absatz 1 Satz 1 des Bürgerlichen Gesetzbuchs.

Wie lerne ich im ersten Semester am besten?

Mit Fällen. Juristisches Wissen prägt sich ein, wenn du es anwendest. Lies die Norm, löse einen kleinen Fall im Gutachtenstil und vergleiche deine Lösung mit einer Musterlösung. Wiederhole Fälle, die noch nicht sitzen, nach einigen Tagen.

Jetzt am ersten Fall üben

Kostenlos und ohne Anmeldung. Lexi führt dich durch die Mindmap und durch deinen ersten Fall.

BGB AT Einführung starten
Gratis PDF-Guide

Alles aus diesem Artikel zum Mitnehmen

Der Leitfaden für die ersten Semester als PDF, kostenlos per E-Mail. Dazu höchstens zwei Mails im Monat mit neuen Fällen und Lerntipps.

Guide anfordern